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Ein Video zeigt nackte Menschen wie sie in der Wildnis tanzen. Sigur Ros im Fernsehen – wo gibt es das? – und auch noch genau in dem Augenblick, indem ich im Inbegriff bin von meiner Reise durch die Wildnis Lapplands zu erzählen – eben auch einer Erzählung vom Beginn meiner Liebe zu Sigur Ros.

Es gibt nur ganz selten Momente, wo Musik es vermag so genau das Gefühl zu beschreiben, was wir in einem Moment haben. Die Erinnerung an einen solchen Moment ist noch ganz deutlich in meinem Bewusstsein: Es war tatsächlich dem Gefühl ähnlich als tanzten wir nackt in der Wildnis, als wären wir erwacht in einem der letzten Paradise dieser Welt. Ich wusste schon immer, dass unser Paradies auf Erden wohnt – dort wo wir es nie vermuten hätten.

Ich schrieb: „In diesem Moment haben wir ein Gefühl, wie wir es bis hierher nicht kannten. Es ist der letzte Abend auf unserer Tour. Vielleicht ist es das Gefühl an dem Ort anzukommen, wo man hingehört. Alles was man braucht, trägt man auf seinen Schultern durch die Wildnis. Man ist weit entfernt von jeglicher Zivilisation.  Ich schaue auf den See in dem weiten Tal vor mir. Die Berge dahinter- ein unwirklicher blauer Nebel in Form von Bergen- lassen eine andere Welt erahnen. Es wirkt als betrachte man die Welt, in jener der Stoff für Märchen gewebt wird. Vielleicht war es die Suche nach Abenteuer. Die Suche, die wir als Kinder an den Orten begannen, wo wir unsichtbar waren für die Erwachsenen. Die letzten Tage sind wir durch die tatsächlichen Gefahren gegangen und wir haben überlebt. Der Anblick der sicheren Hütte voller Wärme und Gemütlichkeit rührte mich am gestrigen Abend zu Tränen. Vielleicht ist es das Gefühl die Dinge schätzen zu können, die man hat. Vielleicht ist es auch ganz einfach das Gefühl glücklich zu sein- keine bloße Freude, kein Zustand der Euphorie, einfach nur das Gefühl zu haben das Leben verdient zu haben. Manchmal muss man für die Dinge erst kämpfen um ihren wahren Wert zu erkennen. Man braucht nicht viel. Geringe Ansprüche und wir können alles haben was wir wollen. Heute ist es die Freiheit. Ein Zelt, ein paar Schuhe, eine Jacke- es braucht nicht mehr. Es scheint die Sonne. Alles verschwimmt in einem merkwürdigen Licht. Ein paar Wolken formen sich zu sonderbaren Gebilden. Alles erscheint unreal, alles erscheint weit entfernt. Wir stehen hier und betrachten die Ferne, die uns niemals so nah war. Wir haben Flüsse überquert, Berge erklimmt, wir sind durch Nebel gegangen, haben die Orientierung verloren und widergefunden. Wir fühlten uns wie die Könige der Welt. Das Abenteuer geht zu Ende. Es geht langsam Richtung Heimat. Wir brachen auf aus einem Dschungel der Zivilisation, in der man die Natur beherrschbar gemacht hat- doch zu einem hohen Preis. Wir fuhren Hunderte von Kilometern an diesen Ort, den die Menschen ruhen ließen. Hier über dem Polarkreis ist der Mensch nicht willkommen sich auf Dauer niederzulassen. Im Winter wird es zu kalt, zu dunkel. Doch in diesen wenigen Sommermonaten kommen die Menschen aus vielen Ländern Europas um zu genießen was der Mensch nicht erobert hat. Diese Region ist unberechenbar-das macht ihre Gefahr, aber noch mehr ihre Schönheit aus. Wir sehen nicht durch verglaste Scheiben, Bildbände oder Filme. Wir spüren den Wind, schmecken die Luft, nehmen all unsere Energie aus der Sonne und verwenden sie um den scheinbar undurchdringlichen Nebel hinter uns zu lassen. Wanderer legten Steine aufeinander um Orientierung zu geben. Orientierung braucht der Mensch genau wie etwas zu essen, eine Hütte um Schutz zu finden auf steinigem Boden und andere Menschen um sich nicht verloren und allein zu fühlen. Es gibt nicht den richtigen Weg, es gibt keine einzig wahre Wahrheit. Es gibt tausend Pfade, darunter vielleicht der schnellste oder schönste, doch alle Pfade führen zu irgendeinem Punkt, zu einem Ziel, dass sich erst definiert, wenn wir wandern. Es ist das Gefühl sich zu bewegen, das Gefühl zur Ruhe zu kommen, wenn es Zeit ist- ein Gefühl, dass ich nie wieder missen möchte.

In diesem Moment ist es nur möglich Musik zu hören, die klingt als käme sie aus einer anderen Welt- die Musik der Sigur Ros. Es ist wohl keine Sache des Zufalls, dass diese Musik auf ähnlichen Breitengraden entstand. Die Inspiration aus einer Welt zwischen arktischer Kälte und ewiger Dunkelheit und dem langen Leuchten der unberührten schönsten Flecken der Erde. All diese Eindrücke gibt der Musik der Sigur Ros eine so völlig neue Dimension. Ich erinnere mich an diesen Moment als sie für diese Hunderten von Menschen spielten, sie alle berührten mit ihren Klängen aus dieser anderen Welt, die ich damals nicht kannte- wohl kaum jemand kannte. Ich erwartete, dass die Welt unterging- klangvoll, aber voller Schönheit! Wir waren auserwählt zu wissen: Es steht etwas Großes bevor. Es geschah in diesem Moment. Unfassbar. Aber es war nicht das Weltende- es ist die Musik aus der unwahrscheinlichen Kraft der Natur Neues zu schaffen. Es ist nicht die verbrannte Erde, es ist das Eis der Gletscher, die vor nicht allzu langer Zeit diese Länder nördlich des Polarkreises formte. Takk…., zu Deutsch Danke, nennen die Sigur Ros ihr Album. Danke, dass ich auf diesem lebendigen Planeten geboren bin. Danke, dass ich all diese Kraft in Leben investieren kann.

In diesem Moment wollen wir nicht zurück. Wir kommen aus einer fernen Welt- soweit das Auge dort sieht: Felder, angelegte Wälder, gelenkte Flüsse, Dörfer, Städte, Türmer und grelle Lichter. Es nimmt kein Ende bevor Tag und Nacht nicht streng getrennt in den Sommer und Winter verlagert werden. Doch der Mensch muss Essen. Er braucht das Licht der Sonne. Niemals werden wir völlig auf die Bequemlichkeiten der modernen Welt verzichten können: Supermärkte, Sanitäranlagen, ein sicheres Dach über dem Kopf. Wir genießen das Hier und Jetzt und schätzen doch die Rückkehr in die vielleicht ungefährlichere Welt. Vielleicht mit ein wenig mehr Respekt. Hoffentlich. Hoffentlich hat uns diese Zeit hier verändert. Wir haben die Freiheit gespürt, unser Zuhause auf den Schultern getragen und wir sind angekommen.“



One Response to “Nordschweden – Von der Freiheit der Wildnis”  

  1. Sigur Rós sind wundervoll! Ich hör sie meistens beim Schreiben. :)


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